2018_03_01 Glück auf Europa!

Glück auf Europa! Ist unser europäischer Zusammenhalt in der Krise? (01.03.2018)

Am Donnerstag, den 01. März 2018 fand im Dietrich-Keuning-Haus eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Glück auf Europa! Ist unser europäischer Zusammenhalt in der Krise?“ statt. Auf dem Podium diskutierten die Vorsitzende des Kulturausschusses des Europäischen Parlaments, Petra Kammerevert, der Vorsitzende der Jungen Europäischen Föderalisten NRW (JEF NRW), Markus Thürmann, Prof. Dr. Ahmet Toprak von der FH Dortmund und der Museologe der HTWK Leipzig, Prof. Dr. Dr. Markus Walz, mit WDR-Moderator Matthias Bongard. Das EDIC Dortmund und die Auslandsgesellschaft NRW e.V. führten den Abend gemeinsam mit dem Kulturbüro der Stadt Dortmund, dem Stadtarchiv Dortmund und dem Dietrich-Keuning-Haus durch.

Der Direktor des Stadtarchivs Dortmund, Dr. Stefan Mühlhofer, verwies passend zum Titel „Glück auf Europa!“ in seinem Grußwort auf die europäisch geprägte Geschichte Dortmunds als Hanse- und Industriestadt sowie seine strategisch vorteilhafte Lage auf dem europäischen Kontinent. Er stellte fest, dass „die Leute teilweise mehr unzufrieden als zufrieden mit der EU sind“, obwohl sie seiner Meinung nach überwiegend Vorteile biete.

Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft NRW e.V., formulierte es in seinem Grußwort noch drastischer: „Hilfe Europa! Unser europäischer Zusammenhalt ist in der Krise!“. Er hob hervor, dass Europa an vielen Stellen selbstverständlich geworden sei und wieder sichtbar gemacht werden müsse.

Grußwort von Klaus Wegener, Präsident der Auslandgesellschaft NRW e.V.

Grußwort von Klaus Wegener, Präsident der Auslandgesellschaft NRW e.V.

Bevor die vier Expert*innen um Moderator Bongard in die Diskussion einstiegen, brachte Poetry-Slammer Rainer Holl die Problematik des Europäischen Kulturerbes und des europäischen Zusammenhalts auf den Punkt: „ Vielleicht ist es kein Haus, vielleicht auch keine Stadt, vielleicht vielmehr eine Landschaft, worüber wir reden. Die lässt sich ja mit Worten auch nur schlecht beschreiben und will man sie verstehen, dann muss man sie eben bereisen. So ist es irgendwie auch mit Europa und mit dem Kulturerbe. Das lässt sich nur erleben. Das lässt sich nicht erklären.“

Poetry-Slammer Rainer Holl philosophierte über Kultur, Kulturerbe, Kulturbeutel und Europa.

Poetry-Slammer Rainer Holl philosophierte über Kultur, Kulturerbe, Kulturbeutel und Europa.

Europäische Krise?

In welcher Krise befindet sich Europa eigentlich? In der Länge einer Postkarte sollten die Gäste auf dem Podium die Frage von Matthias Bongard beantworten. Für die Europaparlamentarierin Petra Kammerevert war die Lage klar: „Europa steckt in einer Identitätskrise!“ Prof. Dr. Dr. Walz antwortete zunächst mit einer Gegenfrage „Welches Europa meinen sie genau?“, schließlich müsse man zwischen dem Kontinent, der Europäischen Union und dem Europarat unterscheiden. Der Vorsitzende der JEF NRW, Markus Thürmann, hingegen sprach von einer Populismuskrise. Migrations- und Integrationsexperte Prof. Dr. Ahmet Toprak bezeichnete die europäische Krise als Krise der Geflüchteten. Allein dieses Spektrum an Antworten zeigt, dass es DIE Europäische Krise nicht gibt.

Im Laufe des Abends fielen immer wieder die Begriffe Identität und Abgrenzung. Thürmanns Beispiel zum Thema Identität: Jede*r könne Fan eines lokalen Fußballvereins sein und gleichzeitig die deutsche Nationalmannschaft anfeuern. Man identifiziere sich sowohl mit seinem Verein vor Ort als auch mit seiner Nationalmannschaft, warum solle man sich dann nicht auch mit einer europäischen Nationalmannschaft identifizieren können?

Weil Identität zumeist aus Abgrenzung entstehe, antwortete Walz. Auf die Frage „Wer sind wir?“ folge unweigerlich „Wer sind die Anderen?“. Die „Anderen“, so Toprak, seien zurzeit die Geflüchteten.

Auch wenn es in der Europäischen Union viele verschiedene Kulturen gebe, seien diese identitätsstiftend. Der Sinn und Zweck des Europäischen Kulturerbejahres 2018 sei, den Bürger*innen deutlich zu machen, dass man verschiedene Kulturen einen könne. Das Kulturerbejahr solle dabei helfen, eine europäische Identität zu entwickeln, so Petra Kammerevert. Man müsse allerdings zwischen Kulturerbe und Kultur unterscheiden. Kulturerbe sei eine Plakette, die im Nachhinein aufgeklebt werde, Kultur hingegen sei etwas viel Alltäglicheres, sagte Walz. Dazu gehören eben auch die grobüberschlagenen 150 Büdchen im Ruhrgebiet und die tiefgründigen „hömma, sachma“-Konversationen, die Holl in seinem einsteigenden Poetry Slam benannte.

Am Ende waren sich auf dem Podium alle einig: Der Weg aus der europäischen Krise sei die Begegnung, der Austausch untereinander: Begegnung mit Geflüchteten,  Begegnung mit den EU-Nachbar*innen und Begegnung mit den anderen Kulturen in Europa, der EU und der Welt.

Die Gäste (v.l. Moderator Matthias Bongard, Prof. Dr. Ahmet Toprak, Petra Kammerevert, Markus Thürmann und Prof. Dr. Dr. Markus Walz) auf dem Podium diskutierten angeregt.

Die Gäste (v.l. Moderator Matthias Bongard, Prof. Dr. Ahmet Toprak, Petra Kammerevert, Markus Thürmann und Prof. Dr. Dr. Markus Walz) auf dem Podium diskutierten angeregt.

Diskussion mit dem Publikum

Passend zur Erkenntnis der Podiumsdiskussion forderte ein Herr aus dem Publikum, die Austauschprogramme für junge Menschen aus der Europäischen Union zu stärken. Dem stimmten die Expert*innen zu und gingen noch einen Schritt weiter: „Ich fordere Erasmus für Rentner!“, rief Walz, denn Austausch und Begegnung kenne kein Alter.

Ausklang des Abends bei Musik und Buffet

Das anschließende Büffet lud zum Verweilen und zur weiteren Diskussion ein. Begleitet wurde das Beisammensein vom Kozma Orkestar: Urban Folk Beats aus verschiedenen europäischen Ländern veranlassten den ein oder anderen im Publikum zum Mitwippen. Der Abend endete so wie es sich Rainer Holl und die Diskussionsrunde gewünscht hatten: Mit Begegnung und Austausch.

Das Kozma Orkestar veranlasste das Publikum dazu noch etwas länger zu bleiben und rundete die Veranstaltung gelungen ab.

Das Kozma Orkestar veranlasste das Publikum dazu noch etwas länger zu bleiben und rundete die Veranstaltung gelungen ab.

Text: Paula Laubenstein

Bilder: © Auslandsgesellschaft NRW e.V., David Bastawros