Podiumsdiskussion zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen (22.06.2016)

Podiumsdiskussion zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen (22.06.2016)

Am 22. Juni 2016 kamen im Dortmunder Rathaus zentrale Arbeitsmarktakteure der Region zusammen, um sich in einer Podiumsdiskussion zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen miteinander auszutauschen. Zentrale Fragestellungen waren dabei: Wie gestalten sich Ausbildungs- und Arbeitsmarkt in Dortmund im Vergleich zum restlichen Europa? Welche Rolle spielen Flüchtlinge in diesem Kontext? Welche Anstrengungen werden in Dortmund und Umgebung unternommen, um Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit zu vermitteln? Welche Erfolge gibt es hier zu verzeichnen und welche Baustellen bzw. Herausforderungen stellen sich noch? Die Veranstaltung des Europe Direct Dortmund wurde gemeinsam mit der Auslandsgesellschaft NRW e.V., der Stadt Dortmund sowie dem Europaminister des Landes NRW und Chef der Staatskanzlei, Franz-Josef Lersch-Mense, organisiert.

Durch den Abend führte der Journalist Kay Bandermann. Zu Beginn erläuterte er dem Publikum, dass in Dortmund aktuell 7.000 geflüchtete Menschen leben (Stand: Juni 2016). Der Großteil von ihnen traf im Sommer und Herbst 2015 in unserer Stadt ein und wurde im Rahmen einer großen Euphoriewelle von den BürgerInnen willkommen geheißen. Schnell wurden von verschiedenen Arbeitsmarktakteuren Programme ins Leben gerufen, um die neuen BewohnerInnen auf dem – neben der Sprache – wichtigsten Feld der Integration in die deutsche Gesellschaft zu unterstützen: der Arbeit. Nun, über ein halbes Jahr später, zog Bandermann in der Podiumsdiskussion Bilanz und fragte VertreterInnen der Handwerkskammer, der IHK, vom DGB, der Arbeitsagentur und dem Projekt „angekommen in deiner Stadt“ nach ihren Projekten und Erfahrungen.

Handwerkskammer Dortmund

Als eine der ersten Initiativen im Bereich der Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten ist die Handwerkskammer Dortmund zu nennen. Schon im Frühjahr 2015 hatte sie begonnen, Flüchtlinge für den deutschen Ausbildungsmarkt zu qualifizieren, wie der Projektkoordinator für Flüchtlinge, Tobias Schmidt, erzählte.
Man hatte zunächst mit 23 geflüchteten Menschen begonnen und das Projekt an vorab schon bestehende, ähnliche Initiativen der HWK im Kosovo angelehnt. Das Programm besteht aus einer fünfmonatigen Vorqualifizierung, die mathematische, fachbezogene und Sprachkenntnisse vermittelt sowie ein Praktikum in einem Betrieb enthält, in dem die TeilnehmerInnen später ihre Ausbildung beginnen sollen. Die HWK stellte in Dortmund eine große Bereitschaft von Betrieben fest, Geflüchtete in Ausbildung zu bringen. Im Anschluss an die erste Programmphase konnten alle 23 Flüchtlinge einen Ausbildungsplatz finden. Mittlerweile haben 105 Menschen das Programm durchlaufen oder befinden sich noch darin. Insgesamt 60% seien schon in Ausbildungsplätze vermittelt worden. Für das Jahr 2016 hat sich die HWK das Ziel von insgesamt 100 Vermittlungen gesetzt.

IHK zu Dortmund

Die IHK zu Dortmund, die insgesamt 57.000 Unternehmen in Dortmund, Unna und Hamm vertritt, sieht sich in erster Linie als Vermittlungsinstanz zwischen Geflüchteten und Unternehmen. Auch sie habe die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen großes Interesse an Flüchtlingen als Arbeitnehmern haben. Jedoch sei es schwierig, geeignete Menschen zu finden, die die Anforderungen der Unternehmen erfüllen, so Jens Nordmann, Ausbildungsberater der IHK. Zunächst stelle sich das Problem der fehlenden Sprachkenntnisse. Daher habe die IHK berufsbezogene Sprachkurse geschaffen. Auch fachbezogen qualifiziere man die Bewerber. Im Vorfeld dieser Maßnahmen sei es jedoch zunächst wichtig, die ankommenden Menschen über das Ausbildungssystem in Deutschland zu informieren. Denn die vielen verschiedenen Möglichkeiten seien den ankommenden Menschen erst einmal nicht bekannt.

Integration Point Dortmund

Der Integration Point ist ein Projekt der Arbeitsagentur und des Jobcenters in Dortmund in Kooperation mit der Stadt Dortmund. Er besteht seit Oktober 2015 und war der dritte Integration Point in NRW, wie die Bereichsleiterin der Dortmunder Arbeitsagentur Melanie Flusche berichtete. Hervorgegangen ist die Anlaufstelle aus dem im März geschaffenen Projekt „Early Intervention NRW+“. Ziel des Projekts ist es, die ankommenden Menschen über ihre Möglichkeiten auf dem deutschen Berufsmarkt zu informieren und ihnen Qualifizierungsmaßnahmen zu vermitteln, um die Arbeits- und Ausbildungsaufnahme zu beschleunigen und zu verbessern. Dies solle so schnell wie möglich nach der Ankunft der Menschen in Dortmund geschehen. Daher gehen die Mitarbeiter des Integration Points auch in die Flüchtlingsunterkünfte. Der Dortmunder Integration Point ist im Oktober mit 12 Berufsberatern gestartet, im Juni 2016 ist die Zahl auf 46 Personen angewachsen, die bisher insgesamt 16.000 Beratungsgespräche in 12 verschiedenen Sprachen durchgeführt haben.

Projekt „angekommen in deiner Stadt dortmund“

Das Pilotprojekt „angekommen in deiner Stadt dortmund“ der Walter Blüchert Stiftung in Kooperation mit der Stadt Dortmund richtet sich an jugendliche Flüchtlinge, die in internationalen Förderklassen an Dortmunder Berufskollegs untergebracht sind. Es bietet den jungen Menschen ein Weiterbildungsprogramm für die Zeit nach dem Schulunterricht, erläuterte der Projektleiter Wolfgang Euteneuer. So arbeitet man u.a. mit der TU Dortmund zusammen: Professoren der Universität bieten den jungen Menschen am Nachmittag beispielsweise Unterricht zum Thema Religionsfreiheit an. Aber auch gemeinsame Mittagessen und Sport sind Bestandteil des Programms.
Im Mai 2016 wurden insgesamt 1.000 Geflüchtete im Alter von 16 bis 25 Jahren an 20 Dortmunder Berufskollegs unterrichtet. An diesen 20 Schulen erreicht das Projekt etwa 14 Klassen.
Das Pilotprojekt in Dortmund dient als Vorlage für Programme, die die Walter Blüchert Stiftung ab Herbst in Münster, Bielefeld und Recklinghausen starten wird.

DGB Region Dortmund-Hellweg

Jutta Reiter, Vorsitzende des DGB Region Dortmund-Hellweg, brachte einen weiteren Blinkwinkel in die Podiumsdiskussion ein: Sie gab zu bedenken, dass in Dortmund unabhängig von den Geflüchteten ebenfalls 16.000 Langzeitarbeitslose leben sowie 1.000 junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz finden. Vor diesem Hintergrund betonte Reiter: „Wir müssen für alle Menschen Arbeitsplätze schaffen. Wir müssen darauf achten, dass niemand dem anderen etwas wegnimmt.“

Aktueller Stand der Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

Auf die Frage Bandermanns, wie die Koordination der Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation von Flüchtlingen sich aktuell im europäischen Vergleich gestaltet, fand Reiter klare Worte: Im Augenblick befänden wir uns in einer „Phase des Versuchsballons“. Strukturen würden sich immer mehr herausbilden und bewähren. „Wir sind ins Wasser gesprungen. Alle wollten was machen. Alle haben was gemacht.“, so die Vorsitzende des DGB Dortmund. Jetzt müssten Regelinstrumente etabliert werden. Dieser Schritt bereite ihr jedoch noch Sorgen.
Euteneuer und Schmidt betonten in diesem Zusammenhang, dass man Geduld haben müssen, denn man könne die Situation nicht von heute auf morgen verbessern. „Wir brauchen Geduld. Wir brauchen Zeit. Wir können das Problem nicht in zwei oder drei Jahren lösen.“, kommentiert Euteneuer. Schmidt fügte hinzu: „Alles, was gerade passiert, ist in den letzten anderthalb bis zwei Jahren angestoßen und umgesetzt worden. Diese Geschwindigkeit ist adäquat.“

Das Integrationsgesetz der Bundesregierung – sinnvoll?

Abschließend fragte Bandermann die PodiumsteilnehmerInnen, wie sie das Integrationsgesetz bewerten: Habe die Bundesregierung die Arbeit der Arbeitsmarktakteure verstanden? Fühle sich das Podium unterstützt?
Die Vertreter der HWK und der IHK betonten, dass sie die sog. ‚3+2-Regelung‘ für Geduldete als sinnvoll und wichtig für ihre Arbeit erachten. Sie ermöglicht es Geflüchteten, die über eine feste Zusage für eine Ausbildungsstelle verfügen, diese Ausbildung drei Jahre lang absolvieren zu können und im Anschluss eine zweijährige Arbeitserlaubnis zu erhalten, bevor sie in ihre Heimat zurückkehren müssen bzw. neu über ihren Aufenthaltsstatus entschieden wird.
Die Einführung von 1-Euro-Jobs bewerteten die Teilnehmenden hingegen weniger positiv. Es sei utopisch, die Menschen dadurch in Arbeit zu bringen, so Reiter. Allerdings wäre es eine Überlegung, diese zum Spracherwerb zu nutzen, fügte die Vorsitzende des DGB Dortmund hinzu. Schmidt von der HWK Dortmund gab zudem zu bedenken, dass es eine Möglichkeit für Geflüchtete darstelle, eine erste Beschäftigung und somit ein strukturiertes Alltagsleben zu finden sowie aus der Monotonie und Lethargie in den Flüchtlingsunterkünften heraus zu kommen.
Flusche von der Arbeitsagentur fügte hinsichtlich des Integrationsgesetzes hinzu, dass sie auf eine Vereinfachung in der Ausländerrechtslage hoffe. „Wir stecken gerade noch in den Kinderschuhen, was unsere Erfahrung in Sachen Integration von Flüchtlingen angeht.“ Wir müssten weiter von Flüchtlingen und Ehrenamtlichen lernen.

Diskussion mit dem Publikum

Im Anschluss an den Austausch des Podiums wurde die Diskussion mit den Gästen im Rathaus eröffnet. U.a. wurden dabei die Position von Frauen auf dem Arbeitsmarkt sowie die Schwierigkeit, Geflüchtete ab 30 Jahren in Ausbildung und Arbeit zu vermitteln, angesprochen.
Eine Problematik, die Geflüchtete im Publikum schilderten, sei der Zwang, eine Ausbildung machen zu müssen und kein Studium beginnen zu können. Diesbezüglich bemerkte Reiter: Wenn man auf öffentliche Gelder in Deutschland angewiesen sei, müsse man sich dem System anpassen und die Richtlinien, die es vorgibt, beachten. Dies gelte nicht allein für Geflüchtete, sondern auch für einheimische BürgerInnen. Wenn man in Deutschland jedoch aus eigener Kraft ein Studium finanzieren könne, dann sei es jedem auch frei gestellt, dieses auch zu absolvieren. Außerdem, so fügte Reiter hinzu, gebe es viele Wege ins Studium, auch eine absolvierte Ausbildung könne dorthin führen. Man solle in diesem Zusammenhang nicht zu eindimensional denken.
Flusche betonte in diesem Zusammenhang, dass es schwierig sei, den ankommenden Menschen das Wertesystem der dualen Ausbildung zu vermitteln. Da sie diese nicht kennen, seien sie vorrangig auf ein Studium fixiert, um in den deutschen Arbeitsmarkt einzutreten.

TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion am 22. Juni 2016

  • Moderator: Kay Bandermann, Deutscher Journalisten-Verband
  • Wolfgang Euteneuer, Projektleiter des Projekts „angekommen in deiner Stadt dortmund“ der Stadt Dortmund und der Walter Blüchert Stiftung
  • Melanie Flusche, Bereichsleiterin der Agentur für Arbeit Dortmund / Integration Point Dortmund
  • Jens Nordmann, Ausbildungsberater, IHK zu Dortmund
  • Jutta Reiter, Vorsitzende des DGB Region Dortmund-Hellweg
  • Tobias Schmidt, Projektkoordinator Flüchtlinge, Handwerkskammer Dortmund

 

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Text: Lena Borgstedt
Fotos: © Auslandsgesellschaft NRW e.V.