Podiumsdiskussion zur Flüchtlingssituation in Dortmund (23.06.2016)

Podiumsdiskussion zur Flüchtlingssituation in Dortmund (23.06.2016)

Am 23. Juni 2016 wurde die Veranstaltungswoche „(Neue) Heimat Europa? Die EU-Flüchtlingspolitik im Fokus“ mit einer Podiumsdiskussion zur aktuellen Flüchtlingssituation in Dortmund abgeschlossen. Ziel der Veranstaltung bestand darin, die hauptamtliche sowie ehrenamtliche Arbeit in der Versorgung und Integration von Geflüchteten in Dortmund im europäischen Vergleich festzuhalten. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sowie Vertreter der Stadt Dortmund erläuterten, welche Erfolge es zu verzeichnen gibt, aber auch welche Herausforderungen sich ihnen noch stellen. Die Veranstaltung wurde vom Europe Direct Dortmund der Auslandsgesellschaft NRW e.V. gemeinsam mit der Stadt Dortmund und dem Europaminister des Landes NRW und Chef der Staatskanzlei, Franz-Josef Lersch-Mense, ausgerichtet.

Einleitender Impulsvortrag der Dortmunder Sozialdezernentin

Birgit Zoerner, Dortmunder Sozialdezernentin, eröffnete den Abend mit einem Impulsvortrag, der die aktuelle Flüchtlingssituation in der Region im europäischen Gesamtkontext beleuchtete. Demnach leben 7.000 Geflüchtete in Dortmund, zu denen nochmals 900 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) kommen sowie 1.500 weitere geflüchtete Menschen, die mittlerweile Hartz IV beziehen und daher nicht mehr unter erstere Zahl gerechnet würden (Stand: Juni 2016). 4.000 der 7.000 Geflüchteten leben in Dortmund in eigenen Wohnungen, etwa 3.000 in Übergangseinrichtungen, die gleichmäßig über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind. Bis September 2014 verfügte Dortmund nur über eine zentrale kommunale Unterbringungsmöglichkeit in Lütgendortmund. Bis dahin war diese ausreichend, kamen jährlich nur etwa ein paar Hundert Flüchtlinge in unsere Stadt (Beispiel: Im Jahr 2012 wurden 333 Flüchtlinge zugewiesen.). Mittlerweile ist die Zahl auf 18 Unterkünfte angestiegen.

Neben der Erstversorgung der ankommenden Menschen in den Übergangseinrichtungen entwickele und finanziere die Stadt Dortmund außerdem Integrationsmaßnahmen. Die Kommune erhalte hierfür keinerlei Gelder vom Staat oder der EU, wie Zoerner betonte, sondern stemme die Kosten eigenständig. Unter die Maßnahmen fallen Sprachkurse, Programme der Arbeitsmarktintegration, die Unterstützung des Ehrenamtes usw. Letzteres umfasse zum Beispiel die Einrichtung einer Koordinierungsstelle in der Dortmunder Freiwilligenagentur oder ein Pilotprojekt, das die Zusammenarbeit von Ehren- und Hauptamtlichen fördere, die in den jeweiligen Stadtteilen die Integration von Geflüchteten unterstützen, sobald sie aus den Übergangseinrichtungen in eigene Wohnungen gezogen sind.

Jedoch gebe es laut Zoerner nach wie vor Engpässe. So gestalte sich der Umgang mit traumatisierten Geflüchteten als schwierig. Einerseits gebe es eine Unterversorgung im psychotherapeutischen Bereich, andererseits fehle es an kultur- und sprachsensiblen Zugängen. Auch haben viele geflüchtete Kinder noch keinen Schulplatz bekommen und stehen auf Wartelisten. Die Stadt hoffe jedoch, dieses Problem bis zum Schuljahresbeginn im Herbst 2016 gelöst zu haben. Man arbeite seinen Mitteln und Kompetenzbereichen entsprechend so gut wie möglich an der Situation, schlussfolgerte Zoerner. Eine „Integrationspauschale“ zur Unterstützung der Arbeit sei jedoch dringend notwendig.

Auf dieser Grundlage wurden anschließend verschiedene ehrenamtliche Projekte der Flüchtlingshilfe vorgestellt und ihre Arbeitserfolge sowie Herausforderungen mit einem interessierten Publikum interessiert. Die Gespräche dirigierte Alexander Völkel, Journalist und Nordstadtblogger.

Projekt Ankommen e.V.

Alena Mörtl vertrat als Vorstandsmitglied das Projekt Ankommen e.V. Dieses wurde im April 2015 gegründet und betreut mit 340 Mitgliedern und 600 Aktiven etwa 1.000 Flüchtlinge in Dortmund. Das Projekt setzt zu dem Zeitpunkt an, in dem die Flüchtlinge die Übergangseinrichtungen verlassen und in eigene Wohnungen ziehen. Haben sie in der Unterkunft noch täglich Kontakt zu anderen Menschen gehabt, gestaltet es sich mit dem Auszug sehr schwierig für sie, Anschluss in ihrem Stadtteil zu finden. Hier greift das Projekt Ankommen: Die ehrenamtlichen Helfer vermitteln Patenschaften, geben an zwei Standorten in Dortmund regelmäßig Deutschkurse, bieten Auszugshilfen an, organisieren Sportgruppen und Freizeitveranstaltungen zum Kennenlernen von und Kontakte knüpfen zu Dortmundern und beraten zu Studiums-, Praktikums- und Arbeitsmöglichkeiten. In zwei Sprechstunden pro Woche haben die Schützlinge des Projekts zudem die Möglichkeit, mit weiteren Anliegen zu den Freiwilligen zu kommen. Den ehrenamtlichen Helfern ermöglicht das Projekt Ankommen regelmäßig Fortbildungen sowie den Austausch mit Psychologen.

Vive Žene e.V. und das Mädchenhaus Mäggie

Der Verein Vive Žene e.V., der durch die Vorstandsvorsitzende Cornelia Suhan repräsentiert wurde, kann schon auf 20 Jahre Erfahrung in der Flüchtlingshilfe zurückblicken. Er hat sich infolge des Jugoslawienkrieges und der systematischen Vergewaltigung von Frauen währenddessen gegründet. Dementsprechend kümmert er sich vorrangig um geflüchtete und von kriegerischen Auseinandersetzungen betroffene Frauen. Der ehrenamtliche Träger betreut aktuell 6.000 Frauen, Mädchen und Kinder, darunter auch viele UMF. Vive Žene – Bosnisch für „Frauen leben“ – arbeitet neben seinem Hauptsitz in Dortmund in zwei Zentren in Bosnien und Herzegowina sowie im Mädchenhaus Mäggie, einer stationären Jugendhilfe für Mädchen im Alter von 12 bis 18 Jahren, die im April 2016 an der Grenze zu Herdecke eröffnet wurde. Das Mädchenhaus verfügt vorerst nur über 9 Plätze und arbeitet nach einem integrativen Konzept, d.h. die Mädchen sollen voneinander und miteinander lernen. Die Verweildauer der Mädchen im Haus ist von ihrem Heilungsprozess abhängig; viele haben starke Bindungsängste und -störungen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Unterkunft benötigen neben Fortbildungen auch selbst psychologische Betreuung, denn sie kommen mit schlimmen Schicksalen in Kontakt, die sie ebenfalls traumatisieren.

Der Vorteil ihrer Struktur als kleiner, ehrenamtlicher Träger, bemerkte Suhan, sei, dass sie freier und v.a. kontinuierlicher arbeiten können und nicht öffentlichen Zwängen unterworfen seien. Während sich in Bosnien und Herzegowina mittlerweile alle öffentliche Hilfsstrukturen zurückgezogen haben, sei Vive Žene e.V. mit seinen beiden Zentren weiterhin vor Ort und leiste notwendige Unterstützung.

Projekt „Do it!“ des Diakonischen Werks

Regina Hunke vertrat in der Podiumsdiskussion das Projekt „Do it!“ des Diakonischen Werks. In diesem betreuen 93 Helfer 100 UMF als ehrenamtliche Vormünder; das jüngste der Kinder ist gerade einmal 11 Jahre alt. Da die hauptamtlichen Vormünder nicht genügend Zeit haben, um sich adäquat um die Kinder und Jugendlichen zu kümmern, werden sie von den ehrenamtlichen Vormündern unterstützt. Regina Hunke ist eine dieser Vormünder und betreut gleich sechs UMF. In ihrer Position stellt sie für die Jugendlichen den Asylantrag und begleitet sie zu allen Amtsterminen; sie ist also Fürsprecher der Jugendlichen bei allen Behörden. Zudem fällt sie die rechtliche Entscheidung, wo die Jugendlichen untergebracht werden und auf welche Schule sie gehen bzw. welche Ausbildung sie erhalten. Auch ist Hunke verantwortlich für die medizinische Versorgung der UMF sowie die gemeinsame Freizeitgestaltung. Hunke fasst die Aufgaben der Vormünder wie folgt zusammen: „Wir haben die Herausforderung, Brücken der Verständigung zu bauen.“

Das Projekt „Do it!“ besteht schon seit fast fünf Jahren. Zu Beginn wurde es für drei Jahre vom BAMF gefördert, anschließend hat die Lensing-Stiftung die Finanzierungslücke geschlossen. Mittlerweile sucht man jedoch wieder dringend nach Fördergeldern; ein Antrag auf Unterstützung an die Stadt Dortmund wurde abgelehnt.

Kirchliche Projekte – Ev. Lydia-Kirchengemeinde Dortmund

Pfarrer Friedrich Laker stellte die Integrationsarbeit seiner Gemeinde in der Dortmunder Nordstadt vor. Seit Anfang 2016 darf diese sich internationale Gemeinde nennen. Das heißt, dass viele Migranten und teilweise auch Geflüchtete Teil der Gemeinde sind.

Laker erzählte dem Publikum von einigen Fällen, in denen sich Geflüchtete von ihm taufen lassen. Das heiße aber auf gar keinen Fall, dass man sie missionieren wolle, betonte der Pfarrer. Der Dialog, das Gespräch miteinander seien vorrangiges Ziel. Man wolle jedem seinen Weg lassen und treffe sich religionsübergreifend zu philosophischen Abenden.

Außerdem bereite die Lydia-Kirchengemeinde einen interreligiösen Austausch mit den muslimischen Gemeinden aus Dortmund vor, der auch Geflüchtete einbeziehe. So wolle man die Integration der ankommenden Menschen in die Dortmunder Gesellschaft fördern.

Diskussion mit dem Publikum

Im Austausch mit den anwesenden Gästen – u.a. Bürgermeister Manfred Sauer – wurden viele Fragen der Versorgung und Integration geflüchteter Menschen diskutiert und ein Blick darauf geworfen, wie Dortmund diese Aufgabe im europäischen Vergleich meistert. Auch wenn Engpässe und Probleme vorhanden sind, zeichnet sich dennoch ein positives Bild. So herrschte der Tenor vor, dass die Zuwanderung der Geflüchteten einen Anstoß gebe, um die eigene Gesellschaft weiterzuentwickeln. „Geflüchtete Menschen renovieren unseren Sozialstaat.“, bemerkte beispielsweise Hunke.

Darüber hinaus wurde diskutiert, wie Dortmunder Moscheen in die Integration der ankommenden Geflüchteten involviert werden können, wie man die lange Wartezeit auf Integrations- und Sprachkurse verkürzen kann und wie komplex die Familienzusammenführung bzw. der Familiennachzug in Deutschland und der EU geregelt ist, dessen rechtliche Vorgaben oft nicht einmal Muttersprachler nachvollziehen können.

Auch waren die EU-Vorlagen in der Versorgung von ankommenden Flüchtlingen Gegenstand der Gespräche. So erläuterte Zoerner am Beispiel der Übergangsunterkünfte, dass die Aufgaben und Leistungen der Betreiber festgeschrieben seien. Es handele sich beispielsweise um keine Einrichtungen der offenen Tür. Man habe den Menschen gegenüber eine Fürsorgepflicht. Daher seien die Unterkünfte dazu angehalten, die Bewohner zu ermutigen, die Einrichtungen zu verlassen und an dem Leben außerhalb dieser teilzunehmen. Das Integrationsangebot, das Ehrenamtliche anbieten, würde diesen Vorschriften entsprechend dezentral mit der jeweiligen Unterkunftsleitung organisiert.

Abschließend warf Prof. Dr. Marianne Kosmann von der FH Dortmund – Mitglied der Expertenrunde zum Thema Flucht, die am 21. Juni 2016 im Europe Direct stattfand – eine wichtige Frage in den Raum: Sie bemerkte, dass es keinen öffentlichen Diskurs über das ehrenamtliche Engagement gebe; das Thema würde in der Presse schlichtweg nicht angesprochen. Sie fragte sich, warum dies so sei, denn es wäre für das Sammeln dringend benötigter Ressourcen doch äußerst sinnvoll, darüber zu sprechen.

5.000 Euro für das Projekt Ankommen e.V.

Der Abend wurde mit einer Überraschung für das Projekt Ankommen e.V. abgeschlossen: Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft NRW e.V., verkündete, dass der Rotary Club, in dem er selbst aktiv ist, seit einiger Zeit über die finanzielle Förderung einer ehrenamtlichen Initiative der Flüchtlingshilfe im Dortmunder Raum diskutiere. Wegener erhielt am Abend der Podiumsdiskussion die Mitteilung, dass man sich für das Projekt Ankommen e.V. entschieden habe. Er freue sich, den Abend und die Veranstaltungsreihe „(Neue) Heimat Europa? Die EU-Flüchtlingspolitik im Fokus“ mit der frohen Botschaft beenden zu können, dass das Projekt 5.000 Euro Fördergelder erhalte.

Die TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion am 23. Juni 2016

  • Regina Hunke, Ehrenamtlicher Vormund für UMF im Rahmen des Projekts „Do it!“ des Diakonischen Werks
  • Friedrich Laker, Ev. Lydia-Kirchengemeinde Dortmund
  • Alena Mörtl, Projekt Ankommen e.V.
  • Cornelia Suhan, Vive Žene e.V. / Mädchenhaus Mäggie
  • Moderator: Alexander Völkel, Nordstadtblogger
  • Impulsvortrag: Birgit Zoerner, Sozialdezernentin der Stadt Dortmund

Text: Lena Borgstedt
Foto: © Auslandsgesellschaft NRW e.V.

© Auslandsgesellschaft NRW e.V.

 

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