Sommerurlaub wie vor der Pandemie? Wie die EU den Tourismus in der neuen Normalität ermöglichen will

Sommerurlaub wie vor der Pandemie? Wie die EU den Tourismus in der neuen Normalität ermöglichen will

Die Corona-Pandemie hat viele Branchen völlig auf den Kopf gestellt. Mit sehr starken Einbußen dabei: Die europäische Tourismusindustrie. Durch die Unberechenbarkeit des Verlaufes der Pandemie sind Hotelübernachtungen um mehr als die Hälfte eingebrochen, und die Luftfahrtbranche wurde durch die geringe Nachfrage geschätzt auf das Niveau der Achtziger Jahre zurückgeworfen. Besonders schwierig war es für Regionen wie die Kanarischen Inseln, auf denen ein Großteil der Wirtschaft vom Tourismus abhängt. Ob solche Regionen ein weiteres Jahr ohne Tourismus überstehen ist fraglich.

Das Digital Green Certificate: sicheres Reisen in Zeiten von Corona

Aus diesem Grund hat die Europäische Kommission im März 2021 den Vorschlag gemacht, durch ein Zertifikat die Reisen innerhalb der EU sicher zu gestalten und wieder zum Teil der neuen Normalität zu machen: Das sogenannte „Digital Green Certificate“ soll die Reisefreiheit in der EU vereinfachen, so der Vorschlag der Europäischen Kommission. Dabei handelt es sich nicht um einen Impfpass, sondern eher um ein digitales Dokument, welches mithilfe eines QR-Codes Auskunft über den Immunstatus der jeweiligen Person geben soll: so sollen dort Angaben über eine vorhandene Corona-Impfung, eine überstandene Infektion, sowie über ein negatives Testergebnis gespeichert werden. Die Gültigkeit variiert dabei, so soll die Angabe über eine Corona-Impfung 180 Tage nach der kompletten Immunisierung gültig sein, ein negativer Test wenige Tage, bei der Genesung steht die Dauer noch nicht fest. Das Zertifikat soll allerdings nicht verpflichtend für jeden einzelnen Bürger sein, sondern auf Anfrage ausgestellt werden.

Als ein Vorbild gilt dabei Israel, wo seit Februar 2021 ein sogenannter Grüner Pass ausgestellt wird, mit dem Ziel, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Dieser ermöglicht geimpften und genesenen Personen unter anderem, Hotels, Kneipen, Fitnessstudios und Kulturveranstaltungen zu besuchen. Im Gegensatz zum israelischen Pass sind bisher jedoch für die europäische Variante keine Privilegien für geimpfte Personen vorgesehen. Und da bis März kein europäischer Staat seine selbst gesteckten Impfziele erreicht hat ist es auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, (noch) nicht-geimpften Personen Reisen weiterhin durch einen negativen Test zu ermöglichen.

Unter den EU-Bürgern trifft ein solcher Vorschlag tendenziell auf Zustimmung: laut einer Umfrage des Nachrichtensenders Euronews sind 55% der Deutschen bereit, den Impfpass bei Reisen permanent bei sich zu tragen, allerdings sprechen sich 23% dafür aus, dies nur bei internationalen Reisen zu tun, während 21% das Zertifikat ganz ablehnen. In Frankreich gibt es mit 38% den höchsten Prozentsatz an Skepsis, in Italien mit 11% den niedrigsten. Vor allem die Tourismusbranche setzt Hoffnungen in das Grüne Zertifikat, aber auch unter Geschäftsreisenden befürworten laut einer Umfrage der Global Business Travel Association 72% aller befragen Unternehmen das Zertifikat.

 Vor der Umsetzung bleiben viele ungeklärte Fragen

Da es sich bei dem Zertifikat jedoch um ein EU-Gesetz handelt, muss es zunächst das normale Gesetzgebungsverfahren durchlaufen, der Rat sowie das EU Parlament müssen ihm zustimmen. Normalerweise kann es mehrere Jahre dauern, bis ein neues Gesetz verabschiedet wird. Jetzt soll dieser Prozess in wenigen Wochen durchlaufen werden, denn das Ziel der EU ist es, ab Juni das Zertifikat ausstellen zu können. Es zeichnen sich jedoch schon Diskussionen ab, da beispielsweise nicht alle EU-Staaten die Möglichkeit haben, die Daten zentral zu speichern. Zudem stehen Fragen bezüglich des Datenschutzes im Raum. Da nur die von der EU zugelassenen Impfstoffe eingetragen werden können ist außerdem unklar, wie es sich auf die Reisefreiheit von EU-Bürgern auswirkt, deren Regierung in Eigeninitiative Impfstoffe aus China und Russland nutzt, welche nicht von der EU zugelassen wurden.

Des weiteren handelt es sich beim grünen Zertifikat ausdrücklich nicht um eine Voraussetzung für den freien Personenverkehr innerhalb der EU, sondern soll diesen aufrechterhalten und lediglich vereinfachen. Aus diesem Grund steht es den Mitgliedsstaaten frei, ob und wie sie dieses Zertifikat an der Grenze überprüfen. Systematische oder stationäre Überprüfungen an den Grenzen sind nicht vorgesehen, eine Möglichkeit wären Stichprobenkontrollen.

Aus medizinischer Sicht ist es allerdings noch nicht klar, ob so ein Zertifikat tatsächlich die erhoffte Sicherheit beim Reisen bringt: Es gibt bis heute keine genauen Angaben darüber, wie lange die Immunität nach einer Impfung anhält, genau so wenig weiß man, wie lange eine genesene Person immun gegen das Coronavirus ist. Außerdem ist nach wie vor unklar, ob genesene und geimpfte Personen nicht trotz eigener Immunität andere Personen mit dem Virus anstecken können.

Es lässt sich also sagen, dass das Projekt Grünes Zertifikat sich noch in den Kinderschuhen befindet und es noch viel zu klären gibt, bevor das Gesetz im Juni erlassen werden kann. Für die Tourismusbranche und viele Reisende bietet jedoch allein die Aussicht auf das Zertifikat Hoffnung auf einen halbwegs normalen Reisesommer inmitten der neuen Normalität der Pandemie, weswegen das In-Kraft-Treten und die Umsetzung dieses Projekts mit Spannung erwartet wird.

 

Text: Stefaniya Vlasova