EU vor Ort: GreenIoT4KMU
Steckbrief:
Name des Projekts: GreenIoT4KMU
Träger: Jülich (PTJ)
Forschungs-, Entwicklungs- und Anwendungspartner: JUNG, DnA Ventures, Karolick, stemann consulting
Ziel des Projekts: Das Ziel des Projekts ist es, Nachhaltigkeitsdaten von Unternehmen der Elektroindustrie entlang einer Wertschöpfungskette zu erheben, um Aussagen über die Nachhaltigkeit und Effizienz der Produktion treffen zu können. Im Fokus stehen kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die durch praxisnahe, aufwandsarm nutzbare technische Lösungen einen leichteren Zugang zur Nachhaltigkeitsdatenerfassung haben sollen („Twin Transition“ aus Nachhaltigkeit und Digitalisierung).
Projektmaßnahmen: Das Projekt ist in Arbeitspakete mit Zeitplan und Meilensteinen gegliedert. Zum Zeitpunkt des Interviews (rund sechs Monate nach Projektstart) befindet sich das Projekt in der Anforderungserhebung: gemeinsame Workshops und Interviews mit den beteiligten Unternehmen, Aufnahme von Unternehmensprozessen (u. a. mittels Wertstromanalyse), Erstellung eines Lastenhefts. Darauf folgen die technische Umsetzung (Integration neuer Technologien/Geräte zur Datenerfassung in die Produktionsanlagen) sowie Testphasen zur Validierung des entwickelten Konzepts.
Förderung/Finanzierung: EFRE/JTF-Programms NRW, Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen
Interview
- Worum geht es in Ihrem Projekt?
Ziel des Projekts ist es, Nachhaltigkeitsdaten entlang einer Wertschöpfungskette im industriellen Kontext zu erheben, konkret bei Unternehmen der Elektroindustrie, etwa Herstellern von Lichtschaltern oder Steckdosen. Bei der Produktion eines Lichtschalters fallen unterschiedliche Daten an (z. B. Energieverbrauch beim Stanzen von Blechen oder bei der Kunststoffproduktion), verteilt auf mehrere Unternehmen, die jeweils Teilkomponenten produzieren oder bearbeiten, bevor ein Unternehmen diese zusammenbaut.
Ziel ist, die Produktionsdaten dieser Unternehmen untereinander zu teilen, um am Ende Aussagen über die Nachhaltigkeit und die Effizienz der gesamten Produktion treffen zu können. Motiviert wird das Projekt durch EU-Nachhaltigkeitsrichtlinien wie CSRD und ESRS sowie z. B. die Pflicht zu professionellem Energiemanagement nach ISO 50001 für Unternehmen mit hohem Energiebedarf. Es geht darum, die dafür geforderten Daten detailliert und qualitativ hochwertig zu erfassen.
Zur Elektroindustrie zählen neben Lichtschaltern und Steckdosen die gesamte Elektroinstallation im Haus, im weiteren Sinne auch Informationstechnologie (Elektronikbauteile, Computerchips) sowie die Beleuchtungstechnik, die regional besonders relevant ist. Der Fokus liegt bewusst nicht auf Massenware, sondern auf kleinen und mittleren Unternehmen mit Nischenprodukten, die Wert auf Nachhaltigkeit legen.
- Wie ist die Idee entstanden?
Erstens aus dem eigenen Forschungshintergrund im Bereich Informationsmodelle. Ein Kernproblem beim Austausch von Daten zwischen Unternehmen ist, dass Daten uneinheitlich benannt und strukturiert sind. Ziel ist deshalb ein vereinheitlichtes Informationsmodell für die erhobenen Nachhaltigkeits- und Leistungsdaten.
Zweitens aus dem Forschungstrend “Datenräume”: Daten sollen bei der Person bzw. dem Unternehmen bleiben, das sie erzeugt (Datensouveränität), während gleichzeitig ein Austausch möglich ist, inklusive Kontrolle darüber, wer die Daten zu welchem Zweck nutzen darf und unter welchen Bedingungen sie weitergegeben werden.
Drittens eine industriegetriebene Motivation: Unternehmen haben sich lange vor allem auf Effizienz (viel Output, wenig Personalaufwand) konzentriert. In den letzten Jahren hat sich der Fokus stark Richtung Nachhaltigkeit verschoben. Ziel des Projekts ist zu zeigen, dass Effizienz und Nachhaltigkeit sich nicht ausschließen, sondern vor allem bei KMU verbinden lassen.
- An wen richtet sich das Projekt? oder Wer profitiert vom Projekt?
Das Projekt richtet sich vor allem an kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Der konkrete Nutzen: Es soll ein Vorgehen mit einzelnen technischen Lösungen entstehen, das Unternehmen mit möglichst geringem Aufwand nutzen können, um die kommenden Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit anzugehen.
Zentral ist dabei die “Twin Transition”: die gleichzeitige Fokussierung auf Nachhaltigkeitsthemen und die Digitalisierung von Produktion und weiteren Prozessen. Beide Trends befeuern sich gegenseitig: Digitalisierung liefert die notwendigen Daten für Nachhaltigkeitsthemen, während regulatorisch getriebene Nachhaltigkeitsanforderungen wiederum mehr Digitalisierung erfordern.
- Was ist Ihre Rolle im Projekt?
Die Rolle von Herrn Schallow und Herrn Terschluse umfasst im Wesentlichen zwei Bereiche: zum einen eigene Forschungsthemen zu bearbeiten, etwa die Entwicklung eines semantischen Informationsmodells (eine Art „Sprachwörterbuch” für Daten) für die schnelle Integration der Daten. Zum anderen sind sie für die Gesamtkoordination des Vorhabens verantwortlich, also das Projektmanagement des Forschungsprojekts: Inhalte der Partner müssen an den richtigen Schnittstellen aufeinander abgestimmt werden.
Da im Konsortium überwiegend mittelständische Unternehmen mit unterschiedlichen Ansichten zusammenarbeiten, kommt dazu eine Moderator- bzw. Mediatorrolle: die “Power” der Partner nutzbar machen und gleichzeitig den gemeinsamen Weg lenken.
- Was macht das Projekt besonders? Was ist ein Alleinstellungsmerkmal?
Das Alleinstellungsmerkmal wird vor allem im sehr anwendungsnahen, praxisnahen Ansatz gesehen: Das Projekt startet direkt mit der konkreten Situation in den Unternehmen. Statt Lösungen “im stillen Kämmerlein” vorab zu entwickeln, werden die Beteiligten dort abgeholt, wo sie stehen. Es geht weniger darum, Technologie neu zu erfinden, als bestehende (teils Open-Source-) Bausteine geschickt und praxistauglich zusammenzusetzen.
Der explizite Fokus auf KMU wird als besonders passend hervorgehoben: Kleine und mittlere Unternehmen interessieren sich weniger für Konstrukte, die am Ende niemand nutzt, sondern für konkrete Wirkung. Die engagierten Anwendungspartner im Konsortium ermöglichen es, viel auszuprobieren.
- Welche Hürden gibt es zu bewältigen?
Auf technologischer Ebene verfügen KMU oft nicht über die perfekte Infrastruktur zur Datenerfassung und sind teils von externen Dienstleistern für Datenmanagement abhängig. Mit einem vergleichsweise geringen Investitionsspielraum muss an der richtigen Stelle investiert werden, um gute Produktionsdaten zu erhalten. Da diese Unternehmen keine Softwarehersteller sind, profitieren sie davon, eine fertig durchdachte Software-Umgebung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Deshalb wird sowohl auf Prozessebene (welche Sensoren wo integrieren?) als auch auf Nutzungsebene geholfen, inklusive eines eigenen Softwareentwicklungsprojekts, das rund 80% der Anforderungen abdecken soll.
Konkretes Beispiel: Ein Konsortiumsunternehmen, das Schalter und Steckdosen lackiert, muss aufgrund verschärfter Umweltauflagen stark in Nachverbrennungseinheiten investieren. Dies ist eine technologische Hürde, da die entsprechende Expertise erst aufgebaut werden muss.
Auf menschlicher Seite ist eine zentrale Herausforderung, die sehr unterschiedlichen Meinungen und Bedürfnisse der beteiligten Unternehmen zusammenzubringen und einen Konsens zwischen verschiedenen Parteien zu finden.
- Welche langfristige Perspektive hat das Projekt?
Die langfristige Perspektive hängt stark von künftigen Gesetzen und Regularien ab: wie geht der Gesetzgeber bzw. die EU weiter mit dem Thema Nachhaltigkeit um, und wird es weiterhin so stark adressiert? Daneben spielt die gesellschaftliche Ebene eine Rolle: Es wird ein Umdenken wahrgenommen, dass Kundinnen und Kunden nachhaltige Produkte zunehmend wertschätzen und bereit sind, dafür mehr zu bezahlen.
Für die beteiligten Unternehmen kann die Erfüllung regulatorischer Anforderungen zudem zum Alleinstellungsmerkmal werden, etwa durch ein Label wie “Green IoT Approved”, das Umsatz und Marktwahrnehmung positiv beeinflussen könnte.
- Wodurch kam die EU-Förderung zustande? Wie gestaltete sich der Prozess?
Grundlage war eine gute regionale Vernetzung des Industrienetzwerks rund um das Ruhrgebiet, in dem viele kleine Unternehmen bereits gut miteinander in Kontakt standen. Da sich eine Förderausschreibung für NRW konkret auf diesen regionalen Bereich richtete, ergab sich für das Projekt ein “Warmstart”: Die grundsätzliche Idee und die Anforderungen der Unternehmen aus dem Netzwerk waren bereits bekannt, sodass vor allem die passenden Unternehmen für die konkrete Ausschreibung zusammengeführt werden mussten.
Der Förderprozess selbst verlief über einen entsprechenden Antrag und einen Wettbewerb mit anderen Bewerbern; eine Bewilligung ist dabei nie sicher.
- Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Ihrem Projekt?
Die größte Herausforderung für die meisten Unternehmen ist der Energieverbrauch. Nahezu jedes Unternehmen benötigt Energie für Produktion oder Service, und Energieeinsparungen zahlen sich zugleich wirtschaftlich aus. Weitere relevante Aspekte sind Wasserverbrauch, Abfall- und Schadstoffausstoß (Luft, Wasser, Sondermüll) sowie Recycling, das von der EU zunehmend forciert wird und Recyclingquote, Recyclingfähigkeit der Produkte und ordnungsgemäße Abfalltrennung umfasst.
GreenIoT4KMU verfolgt das Ziel, kleinen und mittleren Unternehmen mit praxisnahen, aufwandsarm nutzbaren technischen Lösungen den Einstieg in eine datenbasierte, nachhaltigere Produktion zu ermöglichen und richtet sich dabei bewusst nicht nur an die Unternehmen des Konsortiums: Auch Unternehmen von außerhalb sind ausdrücklich eingeladen, mit ähnlichen Anforderungen oder Herausforderungen in Kontakt zu treten, damit die entstehende Plattform nicht für einzelne Lieferanten und Hersteller, sondern branchenweit genutzt werden kann.




