Expertenrunde zu Flucht und Migration in der EU, Deutschland und den Kommunen (21.06.2016)

Expertenrunde zu Flucht und Migration in der EU, Deutschland und den Kommunen (21.06.2016)

Am 21. Juni 2016 kamen Expert_innen zu den Themen Flucht und Migration im Europe Direct Dortmund zusammen, um sich über die aktuelle Flüchtlingssituation in der EU, Deutschland und den Kommunen auszutauschen. Ziel der Veranstaltung war es, Baustellen und Herausforderungen der aktuellen Situation zu eruieren und mögliche Lösungsansätze für diese zu entwickeln. Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit der Auslandsgesellschaft NRW e.V., der Stadt Dortmund sowie dem Europaminister des Landes NRW und Chef der Staatskanzlei, Franz-Josef Lersch-Mense, organisiert.

Perspektivenvielfalt der Teilnehmer_innen

Die acht Teilnehmer_innen der Expertenrunde beschäftigen sich auf wissenschaftlicher Ebene und/oder praktisch mit den Themen Migration und Flucht und brachten ein breites Perspektivenspektrum in die Diskussionen ein – von historischen, über politikwissenschaftlichen, bis hin zu ethnologischen Ansätzen. Auch Vertreter_innen aus dem Bereich Soziale Arbeit und Raumplanung leisteten einen Beitrag. Die Expert_innen untersuchen die Flüchtlingssituation zudem auf unterschiedlichen Ebenen: kommunal, national, EU-weit sowie global. Dementsprechend umfassend, aber dennoch intensiv gestaltete sich der Austausch untereinander.

Analyse der Ausgangslage

Zunächst diskutierten die Expert_innen die aktuelle Flüchtlingssituation. Hier war man sich einig, dass eine fehlende gemeinsame EU-Flüchtlingspolitik Ausgangspunkt für viele Schwierigkeiten und Probleme sei. Zwar habe die EU, allen voran die Europäische Kommission, mehrere Anläufe in diese Richtung unternommen, scheitere aber an einer mangelnden Solidarität unter den EU-Mitgliedstaaten. Antworten werden zumeist nur auf Nationalstaatsebene gesucht.
Damit einher gehen Chaos und Überforderung, so Nele Kortendiek, die am Lehrstuhl für Transnationales Regieren der TU Darmstadt forscht. Dort setzt man sich damit auseinander, wie internationale Akteure miteinander arbeiten, wie sie das globale Migrationsmanagement verstehen und ihre eigene Rolle darin definieren. Kortendiek betonte, dass die Unklarheit über Zuständigkeiten sowie die Handhabung vieler Regierungen, Verantwortlichkeiten von sich zu schieben und die Situation regelrecht auszusitzen, auf den Schultern der Geflüchteten ausgetragen werde.
Auch Prof. Dr. Marianne Kosmann, die am Lehrstuhl für Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund tätig ist und dort den dualen Bachelorstudiengang “Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Armut und (Flüchtlings-)Migration” zum Sommersemester 2014/15 mitbegründet hat, hob die sozialen Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft in Deutschland und Europa angesichts der Flüchtlingssituation gegenüber gestellt sieht, hervor. Einen Beitrag hierzu leiste der genannte Studiengang, der sich u.a. mit den rechtlichen Rahmenbewegungen von Zuwanderung, mit Theorien und Lösungswegen zu gesellschaftlicher Diskriminierung und Benachteiligung, sozialpolitischen Fragestellungen oder der Sensibilisierung für Vorurteile beschäftigt.
Zudem konstatierte die Ethnologin Alina Lisa Beckmann, dass Geflüchtete als homogene Masse in der europäischen und deutschen Gesellschaft wahrgenommen werden. Diese Vereinheitlichung einer eigentlich stark heterogenen Menschengruppe mit den unterschiedlichsten Fluchthintergründen berge ein großes Gefahrenpotential in sich. Dies sei insbesondere im Zusammenhang mit den Vorkommnissen in Köln zu Silvester und der daraus resultierenden Revitalisierung von Gender-Stereotypen deutlich geworden.
Hinzu komme, dass die Willkommenskultur in Deutschland aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden sei. Positive Beispiele sind kaum Bestandteil, wie Claudia Walther von der Bertelsmann Stiftung feststellte. Dem versuche die Bertelsmann Stiftung ihr Projekt „Ankommen in Deutschland – Kommunale Flüchtlingspolitik aus einer Hand“ entgegenzuhalten, in dem sie Good-Practice-Beispiele der Integration von Geflüchteten in deutschen Kommunen begleitet und vorstellt.

Welche Herausforderungen und Baustellen ergeben sich daraus?

Im Anschluss erarbeiteten die Teilnehmer_innen der Expertenrunde, welchen konkreten Herausforderungen sich die EU und Europa stellen müssen. Dabei drängten sich u.a. folgende Fragen auf:

  • Wie können wir das Sterben auf dem Mittelmeer verhindern? Wie können wir die Menschenrechte auch außerhalb der EU durchsetzen? – fragte Simon Goebel.
  • Wie können wir die Teilhabe von Geflüchteten erreichen? – fragten Prof. Dr. Marianne Kosmann und Dipl.-Soz. Christiane Certa.
  • Wie können wir Konkurrenzsituationen zwischen Geflüchteten und anderen beteiligten Gruppen vermeiden bzw. Verlustängsten entgegenwirken? – fragten Prof. Dr. Marianne Kosmann und Dipl.-Soz. Christiane Certa.
  • Wie können wir aus der EU als einer Wirtschaftsunion auch die EU einer Sozialunion machen? – fragten Prof. Dr. Marianne Kosmann und Dipl.-Soz. Christiane Certa.
  • Wie können wir die verschiedenen Vorstellungen und Interessen in der EU erfolgreich auf einen Nenner bringen und eine gemeinsame EU-Flüchtlingspolitik umsetzen? Wie können wir eine neue Kultur der Zusammenarbeit schaffen – auf und zwischen allen Ebenen: unter den einzelnen Bürger_innen, kommunal, national, europaweit und international? – fragten die Expert_innen einstimmig.
  • Wie können wir die aktuelle Situation – statt für kurzfristige Symbolpolitik – nutzen, um nachhaltige und langfristige Konzepte zu erarbeiten? – fragte Nele Kortendiek.

Wie können mögliche Lösungsansätze aussehen?

Vor dem Hintergrund dieser Fragestellungen diskutierten die Expert_innen mögliche Lösungsansätze.
Zunächst wurde festgestellt, dass den Diskussionen um Flucht und Migration oft Sachlichkeit fehle. „Ich wünsche mir mehr historische Gelassenheit.“, kommentierte der Historiker und Politikwissenschaftler Dr. Marcel Berlinghoff, der am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück forscht und lehrt. Deutschland und Europa seien nicht erst seit kurzem Einwanderungsgesellschaften, sondern schon seit Jahrzehnten. Die Menschheitsgeschichte habe schon viele Wanderungsbewegungen erlebt, aus denen sich für die Gesellschaft nicht nur Probleme, sondern Möglichkeiten zum Fortschritt und zur Weiterentwicklung ergeben haben.
Zudem, so Kortendiek, solle man Migration und Zuwanderung in unserer globalisierten Welt endlich als unumstößliche Tatsache anerkennen, die nicht ‚abgeschafft‘ oder verhindert werden könne. Dies nehme einen Teil der Angst. Außerdem könne man sich infolgedessen darauf konzentrieren, konkrete, langfristige Handlungsstrategien zum erfolgreichen Umgang damit zu erarbeiten.
Eine Möglichkeit hierfür sei laut Dr. Berlinghoff, die Normalität von Migration anhand der Familiengeschichten von Bürger_innen herauszustellen. Denn eine jede Familienbiografie weise heutzutage räumliche Wanderungsbewegungen auf. So könne man sich von dem Gegensatz ‚Sie‘ und ‚Wir‘ verabschieden. Dieser Ansatz könne sehr gut in Schulcurricula aufgenommen werden, um schon junge Menschen für den Normalfall Migration zu sensibilisieren.
Simon Goebel, Doktorand am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde der KU Eichstätt-Ingolstadt, schloss hieran mit einen Hinweis auf neueste Entwicklungen in der Ethnologie an: Die Anerkennung von Migration als Normalfall sei auch für die Wissenschaft relevant. So wurden in der Ethnologie Forderungen nach der „Entmigrantisierung der Migrationsforschung“ postuliert.
Ein weiterer wichtiger Schritt, so Dr.-Ing. Katrin Gliemann vom Lehrstuhl für Raumplanung der TU Dortmund, bestehe in der Verabschiedung vom Bedrohungs- oder Belastungsparadigma, das mit der Zuwanderung von Geflüchteten vorrangig verbunden werde. Der öffentliche Diskurs brauche diesbezüglich einen Richtungswechsel: positive Erfahrungen sollten ebenfalls Erwähnung finden, die Perspektive der Geflüchteten einbezogen werden – frei nach dem Motto ‚Reden mit und nicht über Flüchtlinge‘, Geflüchtete als Individuen anerkannt und nicht als homogene Masse dargestellt werden usw. Eine Chance biete außerdem ein interkultureller Austausch auf persönlicher Ebene, um sich mit den zugewanderten Menschen auszutauschen und negative Haltungen und Ängste abzubauen. Dies ist auch Ansatzpunkt der Auslandsgesellschaft NRW e.V., die unter dem Motto „Die Welt besser verstehen“ den Kulturaustausch fördert.
Abschließend betonten die Teilnehmer_innen der Expertenrunde, dass auf den verschiedenen Entscheidungsebenen der Handlungsträger eine neue Kultur der Verantwortung vonnöten sei. Jede Ebene müsse Verantwortung zu übernehmen bereit sein und dürfe Problemsituationen nicht aussitzen. „Zuwanderung ist ein Gewinn, wenn die Parameter stimmen.“, so die Diplom-Soziologin Christiane Certa von der Stadt Dortmund, die als Sozialplanerin neben der Sozialberichterstattung sowie Planung und Umsetzung des Aktionsplans Soziale Stadt Dortmund auch die Geschäftsführung des „Dortmunder Netzwerkes EU-Armutswanderung“ ausübt. Einen wichtigen Parameter sehe sie – ebenso wie Prof. Dr. Kosmann – darin, geflüchteten Menschen in Europa mehr Teilhabe, nicht nur sozial, sondern auch in der Bildung, zu ermöglichen – ohne dabei andere bedürftige Menschengruppen aus den Augen zu verlieren.

Publikation und Fortsetzung der Expertenrunde

Die Teilnehmer_innen der Expertenrunde werden einen gemeinsamen Sammelband erarbeiten, der 2017 erscheinen wird.
Sollten Sie an einem Exemplar der Publikation interessiert sein, kontaktieren Sie bitte das Europe Direct Dortmund: Tel. +49 231 83 800 94; E-Mail: eu-do@agnrw.de.

Teilnehmer_innen der Expertenrunde am 21. Juni 2016

  • Alina Lisa Beckmann M.A., Westfälische Wilhelms-Universität Münster
  • Dr. Marcel Berlinghoff, Universität Osnabrück
  • Dipl.-Soz. Christiane Certa, Stadt Dortmund
  • Dr.-Ing. Katrin Gliemann, TU Dortmund
  • Simon Goebel M.A., KU Eichstätt-Ingolstadt
  • Nele Kortendiek M.A., TU Darmstadt
  • Prof. Dr. Marianne Kosmann, FH Dortmund
  • Claudia Walther, Bertelsmann Stiftung

Unsere Kooperationspartner

  • Auslandsgesellschaft NRW e.V.
  • Stadt Dortmund
  • Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen

Text: Lena Borgstedt, Auslandsgesellschaft NRW e.V.
Foto: © Auslandsgesellschaft NRW e.V.