Vom Vorurteil zur Gewalt: Politische und soziale Feindbilder in Geschichte und Gegenwart
Am 15. September 2026 fand im Rathaus Dortmund eine Lesung und Gesprächsrunde mit Prof. Dr. Wolfgang Benz statt. Benz zählt zu den renommiertesten deutschen Zeithistorikern. Von 1990 bis 2011 lehrte er an der Technischen Universität Berlin und leitete dort das Zentrum für Antisemitismusforschung. In seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt er sich insbesondere mit Vorurteilen, Antisemitismus, Antiziganismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sowie mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1992 mit dem Geschwister-Scholl-Preis und 2012 mit dem Preis des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“.
Entgegen dem klassischen Format einer Lesung stand an diesem Abend vor allem das Gespräch im Mittelpunkt. Benz machte zu Beginn deutlich, dass er weniger vorlesen als vielmehr erzählen und mit dem Publikum diskutieren wolle. Als Einstieg stellte er sieben Thesen zu Vorurteilen aus seinem Buch vor. Dabei ging es unter anderem darum, dass Vorurteile zur menschlichen Wahrnehmung gehören, komplexe Zusammenhänge vereinfachen und häufig an persönliche Erfahrungen und Wahrnehmungen anknüpfen. Auch die Frage, wem Feindbilder nutzen, wurde thematisiert. Nach Benz können sie insbesondere für Mehrheitsgesellschaften eine stabilisierende Funktion haben, indem sie einer Minderheit die Schuld für gesellschaftliche Probleme zuschreiben.
Im weiteren Verlauf schlug Benz den Bogen von historischen Entwicklungen zur Gegenwart. Er sprach über Rassismus in der Kolonialzeit und während der NS-Zeit und ging dabei insbesondere auf Antisemitismus sowie Antiziganismus ein. Als Beispiele für gesellschaftliche Feindbilder wurden unter anderem Juden, Muslime, Sinti und Roma sowie politische Linke thematisiert.
Auch aktuelle politische Entwicklungen waren Gegenstand des Gesprächs. Dabei wurden unter anderem die politische Situation in den USA unter Donald Trump, der Nahostkonflikt und die AfD angesprochen.
In der anschließenden Diskussion wurde vor allem die Bedeutung des kritischen Umgangs mit Vorurteilen und Feindbildern deutlich. Eine zentrale Botschaft des Abends war, bestehende Vorurteile immer wieder zu hinterfragen und nicht jede vermeintliche Erklärung ungeprüft zu übernehmen. Gleichzeitig betonte Benz die Verantwortung jedes Einzelnen und auch der Mehrheitsgesellschaft, Menschenrechte zu achten.
Die Veranstaltung bot damit einen Überblick über die Entstehung und Wirkung von Vorurteilen und Feindbildern von historischen Beispielen bis hin zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen.