Terror vor Europas Toren: Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht (26.10.2015)

Terror vor Europas Toren: Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht (26.10.2015)

Am 26. Oktober 2015 begrüßte das EDIC Dortmund den Autor Dr. Wilfried Buchta, der sein Buch „Terror vor Europas Toren: Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht“ vorstellte. In diesem untersucht der Islamwissenschaftler unter spezieller Berücksichtigung der Historie des Landes die jüngsten politischen Entwicklungen im Irak und insbesondere die Etablierung und Bedeutung des Islamischen Staats. Auch die nicht zu unterschätzende Rolle Amerikas wird mit in den Blick genommen. Angelehnt an den aktuell verstärkten Zuzug von Geflüchteten aus dem Nahen Osten versuchte Buchta zudem, die Fragen, woher und warum die irakischen Flüchtlinge nach Europa kommen, zu beantworten.

Buchta betonte in seinem Vortrag, dass der Irak seit jeher ein künstlicher Staat gewesen sei: Er habe sich nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter Einfluss der britischen Kolonialherrschaft geformt. Seine heterogene Zusammensetzung aus einer herrschenden Minderheit von arabischen Sunnit_innen sowie wirtschaftlich benachteiligten arabischen Schiit_innen und Kurden habe bis heute keine ausgeprägte nationale Identität entwickeln lassen können – das sei ein wichtiger Grund für seine aktuelle Zerrissenheit.

Im Anschluss an den Zerfall der Monarchie im Jahr 1958 sowie einer Ära von nationalistischen Militärdiktaturen bestimmte seit 1968 die Ba‘th-Partei den Irak. Diese säkular-nationalistische Entwicklungsdiktatur verfolgte das Ziel, das Land durch soziale Modernisierung, wirtschaftlichen Wohlstand und panarabische Bestrebungen zu einen, so Buchta. Mit ihrer Unterstützung gelangte Saddam Hussein an die Macht, der von 1979 bis 2003 Staatspräsident und mit einigen Unterbrechungen auch Premierminister des Landes war. Infolge der verlorenen Kriege (1980-1988 mit dem Iran und 1990/91 mit Kuwait) wurde die Ba’th-Partei jedoch diskreditiert. Husseins Diktatur basierte von nun an auf dem Stammessystem im Irak, und er stellte sich als frommer islamischer Herrscher dar. Ihm gegenüber standen die drei verfeindeten Exiloppositionen islamistischer Schiit_innen, nationalistischer Kurd_innen sowie säkular-nationalistischer Parteien (Kommunist_innen, Ex-Ba’thist_innen etc.). Indem Hussein ihre Unterschiede und Verfeindungen anstachelte, machte er sie handlungsunfähig, so dass sich ihm keine einheitliche Opposition gegenüberstellen konnte.

In diesem Zusammenhang bestimmte die amerikanische Außenpolitik die Situation im Irak entscheidend mit, wie der Referent hervorhob:
Zwischen 1991 und 2001 versuchte man zunächst, das Regime durch Sanktionen zu schwächen, um einen Putsch von innen heraus herbeizuführen. In Kombination mit den UN-Sanktionen führte dies zu Massenarmut und Verelendung. Die Expansionspolitik des Regimes wurde zwar eingedämmt, der Sturz jedoch nicht herbeigeführt.
Im Anschluss an die Terroranschläge des 11. September 2001 wechselte die US-Regierung unter Präsident George W. Bush jedoch den Kurs: Man entschloss sich, militärisch einen Regimewechsel zu erzwingen. Mittels eines High-Tech-Blitzkriegs, in dem die Kriegsnachfolgephase nicht berücksichtigt wurde, wurde Husseins Regime innerhalb nur weniger Wochen im Frühjahr 2003 gestürzt. Der realitätsfernen Vorgehensweise der Amerikaner, so Buchta, folgte ein Machtvakuum. Man musste innerhalb kürzester Zeit und mit nur wenigen Ressourcen einen Notfallplan erstellen. Der Versuch, den Irak von Grund auf zu erneuern und zu demokratisieren, indem die neuen politischen Parteien auf Grundlage von Ethnien und Konfessionen aufgebaut wurden, war jedoch von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Denn diese Vorgehensweise spielte dem uralten Problem einer fehlenden übergreifenden nationalen Identität in die Arme. Das sog. Muhassa-System betonte die Sonderidentitäten, so dass man sich nicht dem Gemeinwohl verpflichtet fühlte. Es begünstigte Kleptokratie, Nepotismus und Korruption.

Infolge der amerikanischen Politik im Irak verschärften sich die Auseinandersetzungen zwischen Sunnit_innen, Schiit_innen und Kurd_innen und die Verbreitung der Ideen des Islamischen Staats wurde begünstigt. Die Situation eskalierte schließlich mit der Einnahme Mossuls durch den IS im Juni 2014. Der Irak ist seitdem in verschiedene Gebiete gegliedert, die von folgenden Parteien kontrolliert und hart umkämpft werden: IS, syrischen Kurd_innen im Norden über die Landesgrenze nach Syrien hinein, irakischen Kurd_innen, Gefolgsleuten des Staatspräsidenten Assad sowie verschiedenen Widerstandsorganisationen. Buchta sieht bei diesen verschiedenen Parteien keine Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und an einer nationalen Versöhnung zu arbeiten. Infolgedessen zog er das Fazit, dass in den mindestens nächsten fünf bis zehn Jahren keine Lösung im Irakkonflikt abzusehen sei.

Im Anschluss an Buchtas Präsentation entwickelte sich ein angeregtes Gespräch mit dem Publikum. Hier betonte der Islamwissenschaftler erneut, dass eine Lösung des Konflikts seiner Einschätzung nach in weiter Ferne liege. Die Büchse der Pandora sei geöffnet worden: Jahrhundertealte Konflikte würden sich momentan austoben und man könne nur abwarten, bis diese Kräfte sich herunterbrennen. Buchta habe während seiner langjährigen Arbeit im Irak und Nahen Osten keine Bemühungen nach einer überregionalen Lösung finden können. Die Regierungsführer seien geprägt von Egoismen und Machtwünschen; ihnen fehle es an Weitsicht.

Text: Lena Borgstedt, Auslandsgesellschaft NRW e.V.
Foto: © Lena Borgstedt, Auslandsgesellschaft NRW e.V.